Glotz nicht so blöd! Pack lieber mit an!

Menschen mit Behinderung oder einem anderen Handicap haben es meistens nicht leicht im Leben. Und das nicht nur wegen ihrer Krankheit, mit der sie eh schon genug zu kämpfen haben, sondern oft sind es andere, die es ihnen durch starrende Blicke oder Unachtsamkeit noch schwerer machen.

„Wir sind nicht nur verantwortlich für das was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“

Ich selbst war zwar schon immer hilfsbereit, doch wirklich bewusst war es mir nie, was es eigentlich bedeutet, wenn man nicht (mehr) so kann, wie man gerne will. Bis eine liebe Freundin durch eine chronische Erkrankung plötzlich an den Rollstuhl gebunden war. Das änderte meine Sichtweise immens. Mir wurde klar, wie wichtig es wirklich ist, auf andere zu achten und für sie da zu sein.

Auslöser für diesen Artikel sind jedoch mehrere kleine Begebenheiten gewesen, die ich jüngst beobachten konnte. Das fängt an mit einer Gruppe Teenager, die hier in der örtlichen Jugendherberge zu Gast waren. Sie waren in mehreren kleinen Grüppchen in der Fußgängerzone unterwegs. Jeweils eines der Kids saß im Rollstuhl. Nicht weil sie darauf angewiesen waren, sondern weil sie lernen sollten, was es bedeutet, wenn man auf einen Rollstuhl und auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Einige haben sich darüber lustig gemacht, aber in manchen Gesichtern konnte man Nachdenklichkeit erkennen. Und das nur, weil ein Bordstein plötzlich zu einem unüberwindbarem Hindernis werden kann, wenn keiner da ist, der seine helfende Hand anbietet. Sie haben durch diese Erfahrungen gelernt, wie schwer das Leben sein kann und wie man durch Achtsamkeit anderen helfen kann. Ich finde das eine gute Sache. Solche Projekte sollte es öfter geben!

Dann waren Herr Sohn und ich neulich im Drogeriemarkt einkaufen. Wir suchten gerade neue Zahnbürsten aus. Ein paar Meter weiter stand eine junge Frau mit einem Rollator am Kosmetikregal, direkt daneben eine weitere Frau. Der jungen Frau fiel etwas runter, die andere glotzte nur doof und drehte sich wieder um, anstatt sich mal kurz zu bücken und es aufzuheben. Dabei war es offensichtlich, dass es der jungen Frau nicht leicht fallen würde, es selbst aufzuheben. Mir platzte fast der Kragen, aufgrund dieser Ignoranz und ich eilte sofort zu Hilfe. Ich erntete dafür ein dankbares Lächeln.

Als ich das letzte Mal mit meinem Mann essen war, entstand wieder eine mir völlig unverständliche Szene. Wir waren in einem Café, das einmal im Jahr ein Spanferkel – Essen anbietet. Das Café befindet sich auf zwei Ebenen. Wir saßen oben. Ebenso eine Gruppe von vier Herren, so um die 50, würde ich sagen. Einer von ihnen hatte Probleme mit dem Bein, konnte nicht gut laufen. Nun war es so, dass man sich das Essen in der unteren Etage selbst abholen musste. Die Vier gingen also runter, zurück kamen jedoch erstmal nur drei. Der Mann mit dem steifen Bein hatte große Mühe damit, die Treppe mitsamt dem vollen Teller hinauf zu kommen. Ich hatte die Treppe im Rücken, hörte nur irgendwann die Kellnerin runter rufen „Warten Sie, ich trage Ihnen den Teller hoch!“
So ging die Kellnerin runter, nahm den Teller entgegen, den anderen Arm vollgepackt mit leerem Geschirr und balancierte alles zum Tisch, damit der Herr sich voll und ganz darauf konzentrieren konnte, selbst die Treppe heil hochzukommen. Da frage ich mich: Warum hat nicht einer seiner Freunde einfach seinen Teller getragen? Seine FREUNDE sollten doch ein Auge dafür haben, oder sehe ich das falsch?

Sowas macht mich völlig fassungslos. Warum sind viele Menschen einfach zu bequem anderen zu helfen? Oder zu blind? Sogar die eigenen Freunde? Man bricht sich keinen Zacken aus der Krone, wenn man anderen die Hand reicht! Im Gegenteil!

„Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann.“ Richard v. Weizsäcker

Das sollten wir nie vergessen! Aber leider ist es manchen tatsächlich einfach zu unbequem. Wenn Du plötzlich krank wirst, stellst Du erst fest, wer wirklich Deine Freunde sind. Manche ziehen sich zurück, weil es ihnen zu kompliziert ist, andere vielleicht, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Es wird ja schon schwierig bei der Freizeitgestaltung. Man kann zum Beispiel nicht mehr in jedes x-beliebige Kino gehen. Zu viele Treppen, kein Aufzug! Oder das Lieblingsrestaurant wird plötzlich zum Hindernis, weil im Eingangsbereich Stufen sind, oder die Toiletten im Keller liegen. Es ist auch gar nicht so einfach, einen Rollstuhl ins Auto zu hieven und noch schwerer ihn wieder raus zu heben. Aber mir ist das egal. Ich tue es trotzdem. Und dann suchen wir uns halt ein neues Lieblingsrestaurant, das auf alle Bedürfnisse abgestimmt ist. Auf jeden Fall würde ich niemanden im Stich lassen, nur weil es plötzlich etwas komplizierter geworden ist. Denn es kann uns jederzeit selbst treffen. Nur an Zeit mangelt es mir oft. Weshalb ich nicht selten ein schlechtes Gewissen habe.

Ob man gesund ist oder krank: Man braucht Menschen, auf die man sich verlassen kann. Immer!

Also, reicht anderen Eure helfende Hand – und Ihr werdet Dankbarkeit als Geschenk erhalten!

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