Tradition, die den Bach runter geht…

20 Jahre – so lange ist es tatsächlich schon her. Kaum zu glauben, wie die Zeit vergeht…

Was vor 20 Jahren war, möchtet Ihr wissen? Da habe ich mit meiner Ausbildung zur Kauffrau im Groß- und Außenhandel begonnen. Mit süßen 16 und völlig schüchtern stand ich plötzlich in einem riesigen Unternehmen mit jahrelanger Tradition: Die Kaiser’s-Kaffee-Geschäft AG.

Dabei war das gar nicht so geplant. Denn eigentlich wollte ich mit meiner besten Freundin zusammen noch zwei Jahre die Höhere Handelsschule besuchen, wo ich auch bereits angemeldet war.

Doch mein Vater war der Meinung, ich sollte mich doch wenigstens mal bei Kaiser’s bewerben. In einem solchen Traditionsunternehmen ist man sicher gut aufgehoben.

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Na gut…wenn es denn sein muss. Die werden mich eh nicht nehmen. Ich hatte schon so viele Absagen kassiert. Und ich war schon sehr spät dran mit meiner Bewerbung. Alle Einstellungstests waren bereits gelaufen.

Trotzdem: ich wurde doch noch zum Test eingeladen. Als einzige. Und der Fragebogen mit „Allgemeinwissen“ wurde der totale Reinfall. Ich wusste fast nichts. Nicht mal, wer aktuell unser Bundespräsident war!

Dennoch wurde ich kurz darauf zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Zuerst gab es ein Gruppengespräch mit ca. 20 anderen Bewerbern, wobei wir nicht uns selbst, sondern den nächsten Tischnachbarn vorstellen sollten, mit dem wir uns kurz zuvor bekannt gemacht hatten. Ich habe kaum ein Wort rausgebracht und hatte mir gewünscht, der Erdboden möge sich auftun.

Im anschließenden Einzelgespräch sagte die Personalleiterin gleich zu mir: „Eigentlich ist ja alles klar. Sie müssen nur mal schauen, wie es mit der Busverbindung so klappt, weil sie ja im Hinterland wohnen. Nicht, dass Sie schon um 05.00 Uhr aufstehen müssen. Das wäre ja nicht zumutbar.“ „Ja, in Ordnung, ich werde das prüfen.“

Habe ich aber nicht. Nach ca. 1 1/2 Wochen rief die Personalabteilung bei mir an und fragte, ob ich mich erkundigt hätte. Da ich das aber noch nicht getan hatte, dachte ich, der Ofen ist jetzt eh aus. Trotzdem habe ich mich daraufhin informiert und mich zurückgemeldet – und schon am nächsten Tag lag mein Ausbildungsvertrag im Briefkasten.

Und so habe ich dann dort meine Ausbildung begonnen und ein neuer Lebensabschnitt begann. „Der Ernst des Lebens“, wie man so schön sagt. Am Anfang fiel mir aufgrund meiner Schüchternheit alles sehr schwer. Doch das legte sich bald ein wenig und ich wurde immer lockerer und sicherer.

Während meiner Ausbildung durchlief ich sechs verschiedene Abteilungen, unter anderem Einkauf, Personalwesen, Werbung, Buchhaltung… wobei letzteres am wenigsten Spaß machte.

Wir nahmen auch an vielen Veranstaltungen teil. Zum Beispiel durften wir zwei Mal die Food-Messe ANUGA besuchen, wo ich unter anderem Michael Schumacher und Kai Pflaume getroffen habe. Wir kellnerten bei Firmen-Events, zum Beispiel beim Musical „Les Miserablés“, wo ich mich in ein bodenlanges, braunes Kleid mit weißer Schürze in Größe 34 (!) zwängen musste. (Unvorstellbar, dass ich da jemals reinpasste!) Oder beim Oktoberfest, welches für alle Mitarbeiter der Firma Schätzlein veranstaltet wurde, als wir deren Märkte aufgekauft haben. Dort habe ich die Wildecker Herzbuben kennengelernt. Pfundskerle, sag ich Euch! Es gab sogar ein Autogramm!

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Oder als im CentrO. Oberhausen unsere Filiale eröffnet wurde, mussten meine Kollegin Melanie und ich uns als Frosch und Schildkröte verkleiden (ein aufblasbares Kostüm aus Ballonseide, mitsamt Ventilator auf dem Rücken) und die Leute die ins Parkhaus einfuhren Willkommen heißen! Ja…wir haben wirklich sehr viel erlebt in der Zeit!

Gegen Ende der Ausbildung, wurde allen Auszubildenen mitgeteilt, dass leider keine Übernahme erfolgen könnte. Wuuuuusch!!! Das traf alle wie ein Faustschlag. Doch ein paar Leute hatten im Nachhinein doch noch Glück. Und ich gehörte zu eben diesen – was ich meiner Chefin aus meiner allerersten Abteilung zu verdanken hatte (übrigens die Personalchefin, die mich drei Jahre zuvor eingestellt hatte).

Zunächst kam ich zwar nur halbtags in der Abteilung „Aus-und Weiterbildung“ unter, aber nach nur einem Monat tat sich für mich eine Vollzeitstelle auf – ausgerechnet in der Buchhaltung. Puh… Was tun?! Nehmen? Aber Buchhaltung ist so überhaupt nicht mein Ding. Trotzdem…eine Vollzeitstelle war nun mal viel mehr wert. Also nahm ich sie an.

Aber dort wurde ich lange Zeit nicht glücklich. Ich kam mit der Chefin nicht besonders gut klar und fühlte mich einfach nicht wohl. Ich hatte ständig das Gefühl, ich stelle mich zu dumm an. Dann bekam ich eine neue Vorgesetzte und mit ihr änderte sich vieles. Die Abteilung wuchs und wuchs. Ich selbst wuchs in meine Aufgabe hinein. Langsam aber sicher. Bis mir alles wie im Schlaf von der Hand ging.

Wieder änderte sich die Situation. Unsere Chefin verließ uns, denn sie kam aus Berlin und das ewige Pendeln war nichts mehr für sie. Eine Kollegin übernahm damit ihre Aufgaben. Und von da an gab es nicht mehr viel Freude. Unter manchen der Kolleginnen (zu Bestzeiten waren wir mit 13 Frauen) brach Krieg aus. Zickenterror und Mobbing waren seitdem an der Tagesordnung – und selbst diejenigen, die sich raushalten wollten, so wie ich, litten darunter. Denn in einem Großraumbüro kriegt man nun mal alles mit. Kolleginnen kamen und gingen. Unzählige. Viele hielten es nicht lange aus. Auch als wir später in kleinere Büros aufgeteilt wurden, trat nicht wirklich Besserung ein. Irgendeiner war immer das Opfer. Und man ging jeden Morgen mit Bauchschmerzen zur Arbeit, weil man nie wusste wie der Tag werden würde.

Aber wir hatten dennoch auch einiges zu lachen. Mit den „richtigen“ Damen machte es sehr viel Spaß. Und wenn wir Spaß hatten, passte das den „falschen“ Damen überhaupt nicht, was unseren Spaß eigentlich nur noch vermehrte. Wir haben oft genug laut gelacht, dass wir manchmal glaubten, wir könnten nie wieder damit aufhören. Und wir haben leise geflucht. Ein ewiges Auf und Ab. Trotz der schlechten Seiten hatten wir dennoch irgendwie eine gute Zeit. Danke dafür, an meine liebsten Kolleginnen! Diese Zeit wird immer unvergessen sein!

Zum 10jährigen Jubiläum schenkten mir meine Kolleginnen eine Insel...
Zum 10jährigen Jubiläum schenkten mir meine Kolleginnen eine Insel…

Bei all dem Trubel machte ich meine Arbeit trotzdem ganz gern. Wenn auch nicht alles immer so angenehm war. Zum Beispiel war ich für die Kundenbetreuung der Kunden zuständig, deren Konten bei EC-Kartenzahlungen nicht gedeckt waren. Und nicht alle Kunden hatten Verständis dafür, dass Gebühren auf sie zukamen, wenn sie nicht zahlten. Manche taten einem Leid, andere widerum waren echt unverschämt.

Die schlimmste Arbeit war jedoch gleichzeitig die stupideste und körperlich anstrengenste. Die ungedeckten EC-Belege wurden regelmäßig von unserem Partnerunternehmen angefordert. Ich betreute die Märkte aus dem Berliner Raum, wo Kartenzahlungen das Hauptzahlungsmittel waren. Dementsprechende Mengen an Belegen sammelten sich kistenweise in unserem Archiv und es war eine echt ätzende Arbeit, diese schweren Kisten immer und immer wieder von oben nach unten, von links nach rechts zu stapeln und diese Belege herauszusuchen. Damit stand ich immer auf Kriegsfuß. Aber das war zum Glück nicht der Hauptteil meiner Arbeit.

Nach ein paar Jahren ernannte mich mein Abteilungsleiter zur stellvertretenen Gruppenleitung. Es gab Leute, denen das nicht so gut passte, andere hingegen waren sogar froh, denn ich war immer ein ruhiger und ausgeglichener Mensch. Ich denke die meisten meiner Kolleginnen haben gern mit mir zusammengearbeitet. Im Nachhinein ein gutes Gefühl. Eine Kollegin sagte sogar einmal, es wäre besser, ich würde nicht nur die Vertretung sein. Aber die volle Verantwortung hätte ich ehrlich gesagt nicht haben wollen.

So gingen viele Jahre ins Land. Jahre in denen es mit der Firma immer wieder auf und ab ging. Immer und immer wieder wurde uns mitgeteilt, dass es nicht gut aussähe, dass die Firma eventuell verkauft werden würde. Doch immer wieder haben wir uns irgendwie berappelt.

Vor 10 Jahren feierten wir dann sogar das 125jährige Firmenjubiläum gemeinsam mit allen Kollegen, die busseweise aus ganz Deutschland in den Borussia-Park gekarrt wurden.

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Es war ein rauschendes Fest bei dem weder Kosten noch Mühen gescheut wurden.

125 Jahre Kaiser´s (49)

Moderiert wurde das Programm von Barbara Schöneberger
Moderiert wurde das Programm von Barbara Schöneberger
Udo Jürgens als Star-Gast
Udo Jürgens als Star-Gast

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Und auch auf dem Firmengelände gab es ein weiteres Fest, welches für die Öffentlichkeit bestimmt war. Es war sehr schön! Mit Live-Musik und vielen Freunden haben wir ordentlich gefeiert!

Das Verwaltungsgebäude wurde verhüllt, damit keiner das Ereignis verpasst!
Das Verwaltungsgebäude wurde verhüllt, damit keiner das Ereignis verpasst!

125 Jahre Kaiser´s (15) 125 Jahre Kaiser´s (26)

Ja, da war ich sogar noch blond...lange her!
Ja, da war ich sogar noch blond…lange her!

Doch die Euphorie war nicht von langer Dauer.

Kaiser’s – seit langen Jahren ein Teil der Tengelmann Unternehmensgruppe – wurde schließlich zur Kaiser’s Tengelmann GmbH. Und damit sollte bald eine große Veränderung anstehen.

Der Firmensitz wurde von Viersen nach Mülheim verlegt. Eine Veränderung, mit der ich nicht leben konnte. Für mich hieß es somit nach 15 Jahren, dass ich das Weite suche – meinen vermeintlich sicheren Job einfach so aufgab.

Richtige oder falsche Entscheidung? Woher sollte ich das zu dem Zeitpunkt wissen? Trotzdem: plötzlich 50 km mehr an Fahrtweg zu haben, war für mich ein No go! Zumal die Stimmung in der Abteilung eh nie die beste war. So traf ich die für mich beste Entscheidung – wenn auch mit einem sehr eigentümlichen Gefühl. Schließlich hatte ich mein halbes Leben in dieser Firma verbracht.

Doch eigentlich verließ ich nur das sinkende Schiff.

Trotzdem hat mein ehemaliger Chef noch zwei Mal angefragt, ob ich nicht doch wieder zurück kommen würde. Ich lehnte dies beide Male ab. Und das war auch gut so.

Denn nun steht Kaiser’s Tengelmann vor dem endgültigen Aus! Was im Jahr 1881 mit kleinen Tante-Emma-Lädchen begann soll nun für immer vorbei sein.

Der Knock-Out für das Kaffee-Kännchen
Der Knock-Out für das Kaffee-Kännchen

Das zeigt nicht nur dieser Artikel. Auch meine wenigen, noch in der Firma zurückgebliebenen Kolleginnen, mit denen ich neulich essen war, haben mir erzählt, dass zum Jahresende die ersten Kündigungen rausgehen. Es gibt offenbar kein Zurück mehr, für ein Unternehmen, dass bereits seit so unglaublich vielen Jahren besteht.

Auch wenn ich nun schon seit 5 Jahren kein Teil dieser Firma mehr bin, trifft es mich trotzdem irgendwie. Denn so ein bisschen war ich schon mit der Firma verheiratet, so blöd sich das auch anhört. Aber man hat so viele Jahre all seine Energie und vieles andere dort hineingesteckt. Und das ist jetzt alles aus.

Immer wenn ich an unserem alten Verwaltungsgebäude vorbeifahre, überkommt mich ein komisches Gefühl. Wenn ich dieses verlassene Geisterhaus sehe, in dem ich so viel Zeit verbrachte…

Einst mit Leben gefüllt, nun seit Jahren verlassen
Einst mit Leben gefüllt, nun seit Jahren verlassen

Wenigstens hat dieses Gebäude heute endlich einen neuen, guten zweck bekommen: es ist nun die Heimat von Flüchtlingen geworden. Sie haben dort vorerst ein sicheres Dach über dem Kopf. Dafür Daumen hoch!

Was man von den Mitarbeitern des Unternehmens nicht sagen kann. Sie stehen nun vor einer großen Veränderung. Für viele wird es sicher nicht leicht sein, eine neue Arbeit zu finden. All denen drücke ich die Daumen, dass sich dafür eine Lösung findet.

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