Rebell mit Herz

Es ist oft schwierig. Zwar leichter, als ich zunächst erwartet hatte, aber dennoch schwierig.

Seit mein Sohn entthront wurde, geht es hier manchmal drunter und drüber. Natürlich – es ist alles andere als leicht für ihn, denn bisher drehte sich wirklich alles nur um ihn. Wir spielten, lachten, tobten, steckten unsere Nasen gemeinsam in Bücher, lernten Farben, Formen, Zahlen, machten regelmäßig Spaziergänge und Ausflüge. Den ganzen Tag, immer nur er. Und plötzlich ist so vieles anders.

Mit Mama’s Bauch wuchs auch seine Angst vor dem was für ihn nicht greifbar, nicht vorstellbar war. Das schlug sich oft in unbändiger Wut nieder. Manchmal tobte er den ganzen Tag, lag auf dem Boden und schrie, schrie, schrie.

Wir versuchten ihn so gut es ging auf den Familienzuwachs vorzubereiten. Wie viel er davon verstand, war uns nicht ganz klar. Aber offenbar war es mehr, als wir erwartet haben.

Am ersten Tag war ihm dieses kleine Wesen noch etwas suspekt, doch schon beim zweiten Besuch im Krankenhaus wollte er seine Schwester halten und streicheln. Als wir wieder zu Hause waren, hat er die Kleine gleich ganz gut akzeptiert.

Allerdings weigerte er sich von da an, ins Bett zu gehen. Es war jeden Abend ein Kampf. Auch das Essen verweigerte er fast immer und ernährte sich fast ausschließlich von Obst, Quetschbeuteln und trockenem Knäckebrot. Und Süßigkeiten. Natürlich.

Die extremen Wutanfälle jedoch nahmen ab. Vermutlich, weil die Angst vor dem Ungewissen nun verschwunden war. Aber: die Wut wandelte sich. In ein Buhlen um Aufmerksamkeit. Mit allen Mitteln.

So fing es an, dass der Wildfang immer genau dann anfing, Spielzeug durch die Gegend zu werfen oder auf den Tisch zu hauen, wenn ich mich gerade intensiv um die Kleine kümmern musste und ich keine oder kaum Gelegenheit zum Reagieren hatte.

Dann bat ich ihn aufzuhören. Ein Mal. Zwei Mal. Beim dritten Mal nahm ich ihm die Sache ab. Damit hörte es aber nicht auf. Im Gegenteil. Er nahm sich das nächste und alles wiederholte sich. Bis ich ihn schließlich in sein Zimmer brachte. Meistens nicht, ohne vorher laut zu werden. Es gelingt mir dann oft nicht einfach ruhig zu bleiben. In seinem Zimmer tobt er weiter. Schmeißt alles um, will zerstören. Manchmal aber fängt er auch einfach an zu spielen. Dann tat ihm der Situationswechsel gut. Schade, dass das nicht immer funktioniert.

Aber das ist leider noch nicht alles. Inzwischen richtet er seine Wut auch gegen mich. Zieht mir an den Haaren oder haut mich. Tritt mich beim Wickeln. So wie heute. Das nimmt mich mit. Ich bin hilflos in einer solchen Situation. Denn er findet kein Ende, macht immer weiter. Egal was ich sage oder tue. Manchmal verlasse ich einfach den Raum und atme tief durch. Oft werde ich jedoch laut. Ich will nicht laut werden. Niemals. Denn damit dringe ich erst recht nicht zu ihm durch. Und es passt eigentlich auch gar nicht zu mir. Doch trotzdem passiert es. Irgendwie trifft er damit einen Punkt bei mir, von dem ich wünschte, es würde ihn nicht geben. Und dann bin ich wütend. Auf ihn und auf mich.

Und oft ist der Spuk genau so schnell vorbei, wie er gekommen ist. Bei ihm ist es dann, wie als würde der Schalter einfach wieder umgelegt werden. *klack* Und alles ist wieder gut.

„Mama, bist Du lieb?“ „Ja, ich bin lieb. Aber ich bin traurig. Bist Du denn jetzt wieder lieb?“ „Jaaaaaaa!“ Und gleich danach: „Komm Mama, lass uns spielen!“ Und ein gut gelauntes Kind tanzt um mich herum.

Könnte ich das doch auch. *klack* Den Schalter umlegen und alles vergessen. Doch das gelingt mir nicht. Ich bin angeschlagen. Und traurig. Und ratlos. Wie lange wird es so weitergehen? Was kann ich tun, um ihm – und uns – zu helfen?

Ich versuche ihm zu erklären, warum ich nicht mehr so viel Zeit habe und sage ihm, dass es mir Leid tut. Und dass eine Zeit kommt, in der das Baby nicht mehr so viel Hilfe braucht und wir alle zusammen spielen können.

Und wenn die Kleine schläft oder zufrieden vor sich hin gurgelt, dann nutze ich die Zeit, um mit ihm zu spielen. Die Hausarbeit bleibt liegen, und das sieht man dem Haus auch an. Ich selbst komme zu kurz. Und das sieht man mir auch an. Ich esse zu wenig, trinke noch viel weniger, nehme mir oft nicht mal die Zeit, um aufs Klo zu gehen. Aber so ist das jetzt nun mal.

Das geht auch vorbei. Irgendwann.

Genauso hoffe ich, dass diese schwierige Phase bald vorbei geht. Es heißt, etwa zwei Monate braucht ein Kind, um sich an sein Geschwisterchen zu gewöhnen. Diese „Frist“ ist bald vorbei. Manchmal denke ich, es ist schon einfacher geworden. Dann kommt wieder so ein Tag…

Man hat mir das Buch „Aggression“ von Jesper Juul empfohlen. Doch ich komme einfach nicht dazu, darin zu lesen.

Eine Bekannte hatte mir Bachblüten gegen Eifersucht nahegelegt. Doch ich konnte keine Wirkung erkennen.

Jetzt hat mir meine liebe Blogger-Kollegin Nina ein paar Globuli zukommen lassen. Ich hoffe, sie verschaffen etwas Linderung.

Was wir sonst tun? Ihm Aufmerksamkeit schenken, so viel es momentan eben möglich ist. Exklusivzeiten – mit Mama in den Tierpark, mit Papa mit dem Laufrad auf Tour gehen, zu dritt ins Schwimmbad – ohne die kleine Schwester.

Doch trotzdem fragt er dann immer ob sie auch mitkommt. Dann sage ich, sie ist noch zu klein. Dann sagt er immer „Wenn sie größer ist, kann sie auch mit ins Schwimmbad, auf die Rutsche, ein Eis essen…!“ Er freut sich auf die Zeit.

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Er begrüßt sie jedes Mal freudig oder verabschiedet sich von ihr, wenn er „allein“ loszieht. Er gibt ihr den Nucki oder singt ihr etwas vor, wenn sie weint. Er deckt sie zu, wenn sie die Decke weggestrampelt hat. Er kuschelt mit ihr, gibt Küsschen möchte sie auf dem Arm halten. Wenn er morgens wach wird, sagt er gleich, er will sie sehen. Er zeigt ihr seine Spielsachen. Er freut sich wahnsinnig, wenn sie ihn anlächelt.

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Er hat sie längst in sein Herz geschlossen. Und ich bin froh, dass er nicht auf sie wütend ist, sondern einfach nur darüber, dass er manchmal etwas zu kurz kommt.

Trotzdem reicht ihm wohl ein Geschwisterchen.

„Wir brauchen nur eine Kim. Mehrere Kimme brauchen wir nicht!“

In diesem Sinne – die Familienplanung ist einvernehmlich abgeschlossen.

Und der kleine Rebell mit dem großen Herzen wird sicher auch bald wieder rundum zufrieden sein mit seiner kleinen Welt!

4 Gedanken zu “Rebell mit Herz

  1. Ich bin selbst Mutter von zwei Kindern und kann deine Gedanken und Gefühle zu gut verstehen!
    Ich habe gelernt das die Kids genau dein schlechtes Gewissen spüren und das nutzen die aus.anfangs habe ich auch so gedacht ,aber warum eigentlich?man muss es doch mal so sehen,dass das erste Kind Jahre Aufmerksamkeit allein genossen hat und das zweite?das ist eigentlich zu bedauern,denn das bekommt nie diese Jahre alleinige Aufmerksamkeit oder was meinst du?das hat mir geholfen,diese Erkenntnis und ich habe von Anfang an nie mehr diese exclusivzeit gegeben!jetzt ist eben ein geschwisterchen da und es gehört dazu also machen wir alles zusammen,das hat gut funktioniert !viel Erfolg dir und gute Nerven und lass dein schlechtes Gewissen nicht Siegen alles liebe Kathleen

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Kathleen! Ja, irgendwie hast Du Recht. Das zweite Kind wird nie in den Genuss kommen, eine solch intensive Zeit mit Mama und Papa zu genießen. Aber sie kennen es dann auch nicht anders und können es zum Glück nicht vermissen. Der Große jedoch schon. Aber ich glaube und hoffe einfach, dass er sich schnell daran gewöhnen wird. Und irgendwann wird er gar nicht mehr wissen, wie es ohne sie war. Das wird schon. Liebe Grüße, Nadine

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