Die Wut über die Wut

Heute ist wieder einer der verdammten Tage. Einer dieser Wut-Tage. Einer dieser Tage, die ich am liebsten aus dem Kalender streichen würde, weil sie so zermürbend sind.

Ob nun Autonomie- oder Trotzphase, ganz egal wie es nun heißt, diese Phase – zumindest den Rest davon – könnte ich getrost überspringen. Ich habe schon mehrfach über die Wut meines Sohnes erzählt, die schon vor über einem Jahr bei uns Einzug gehalten hat – und gerade dachte ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Die Wutausbrüche wurden in den letzten Wochen deutlich seltener und wenn es doch mal passierte, war der kleine Mann sehr schnell wieder zu beruhigen und abzulenken. Aber die letzten Tage waren zunehmend schwierig. Und heute lief das Fass mal wieder über und ich habe mich mitreißen lassen. Oder eher runterziehen.

Wie es dazu kam

Ich wollte heute Morgen mit beiden Kindern das Haus verlassen. Mein Sohn regte sich aber schon seit dem Wachwerden auf. Erst war es das falsche Oberteil, dann wollte er nicht mit mir kommen. Er plärrte und plärrte. Bis mein Mann sagte, ich sollte ihn zu Hause lassen bei ihm. Aber eigentlich hatte mein Mann auch Pläne für den Vormittag.
Als ich dann mich und die Kleine bereits eingepackt hatte und schon auf dem Weg zum Auto war, wollte er plötzlich doch mit und weinte, weil ich nun ohne ihn fahren wollte. Also, setzte mein Mann ihn doch noch ins Auto, in der Hoffnung, seine Pläne nicht aufgeben zu müssen. Aber schon nach drei Minuten Autofahrt ging echt gar nichts mehr. Es fing schon an, als wir noch keine 5 Meter vom Haus entfernt waren, da sagte er „Aber ich will nicht wegfahren!“ Und so ging die Diskussion von neuem los, bis er wieder nur noch schrie. Was soll ich jetzt tun? Ihn wider Willen mitnehmen und selbst auch einen furchtbaren Vormittag haben? Dafür hatte ich keine Nerven. Also kehrte ich wütend und enttäuscht kurzerhand um. Er hatte tatsächlich gewonnen. Wirklich? Denn auch das passte ihm wieder nicht. Aber ich war bedient. Ich packte alles wieder aus und das war’s dann für mich.

Papa fuhr zu seinem Kumpel, wie geplant, und mein Sohn schrie, und schrie, und schrie. Mit Unterbrechungen eine Stunde lang. Weckte mit seinem Gebrüll die Kleine wieder auf, die doch gerade endlich eingeschlafen war. Egal was ich sagte oder versuchte, ich konnte nicht zu ihm durchdringen. Er wollte zu Papa. Aber der war ja nicht da. Dann wollte er ins Bett, und da habe ich ihn dann auch hingebracht. Dort schrie er weiter. Als er sich beruhigte und er wieder zu uns wollte, war eine Weile alles gut. Bis er plötzlich wieder anfing irgendwelche Dinge durch die Gegend zu werfen. Aus heiterem Himmel, ohne dass es vorher einen konkreten Auslöser gab. Jede Bitte an ihn, doch damit aufzuhören, artete in noch größere Wut aus. Ihn in den Arm zu nehmen und zu beruhigen bewirkte genau das Gegenteil. Alles was man in dem Moment versucht ist falsch.

Diese Hilflosigkeit

Für dieses Problem gibt es in dem Moment scheinbar keine Lösung. Manchmal fruchten meine Beruhigungsversuche sehr schnell. Ruhig mit ihm reden, in den Arm nehmen, fragen, warum er so wütend ist. Das hilft oft und er kommt zur Ruhe. Manchmal dauert es auch etwas länger. Auch damit komme ich klar. Aber nicht an Tagen wie diesen. Wenn alles scheitert bleibt nur Hilflosigkeit zurück. Wutphase 3 – Alarmstufe Rot!

Manchmal knallen bei mir dann auch die Sicherungen durch und ich meckere ihn an, lauter, als mir lieb ist. Das bewirkt natürlich auch nichts und ich bereue es immer wieder. Ich will ihm ja auch keine Angst machen. Deswegen versuche ich mich zurückzuhalten. Aber so oder so tobt er weiter. Bis der Moment kommt, in dem seine Wut plötzlich wieder abgeebbt ist. Als würde man einen Schalter umlegen, ist alles wieder gut und er spielt fröhlich und quatscht und lacht, als ob nichts gewesen wäre.

Doch das funktioniert nur bei ihm

Leider kann ich diesen Schalter nicht auch in mir wieder umlegen. Ich fühle mich nach solchen Momenten leer und ausgebrannt. Enttäuscht, erschöpft, müde. Wenn er dann zu mir kommt, mit mir spielen will, mir etwas erzählen will, sitze ich nur stumpf da und fühle mich nicht in der Lage auf ihn zu reagieren. Wenn er mit Papa rumblödelt und schallend lacht, kann ich nicht einfach so mit in sein Lachen einsteigen. Nicht an Tagen wie diesen.

Warum fällt es mir so schwer? Warum kann ich nicht auch einfach diesen Schalter umlegen und vergessen? Es würde so vieles so viel leichter machen. Stattdessen fühle ich mich einfach nur meiner Kraft beraubt, brauche einige Stunden, um mich wieder besser zu fühlen.

Und dann bin ich wütend. Wütend auf die Wut. Und dann wünsche ich mir, dass solche Tage – Tage wie diese – bald einfach der Vergangenheit angehören.

6 Gedanken zu “Die Wut über die Wut

  1. „Hey, sei nicht so hart zu dir selbst…es ist okay, wenn du fällst…du brauchst nur weiter zu geh’n…Wenn die Angst dich in die Enge treibt…es fürs Gegenhalten nicht mehr reicht…du es einfach grad nicht besser weißt – dann bleib! Es geht vorbei!“ (Andreas Bourani) ❤

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