Wendepunkt

Vor einigen Tagen erreichte mich die Nachricht, dass die Firma, in der ich angestellt bin, ihren Firmensitz von Mönchengladbach nach Düsseldorf verlegt und zudem einige hunderte Personalkürzungen vornimmt. Im Moment betrübt mich das nicht allzu sehr, bin ich doch schließlich noch zwei Jahre in Elternzeit. Wer weiß schon, was danach ist?

Diese Nachricht erinnerte mich jedoch daran, dass ich vor einiger Zeit schon einmal vor einem ganz ähnlichen Problem stand. Und mir wurde bewusst, an wie vielen Wendepunkten ich bereits in meinem Leben stand.

Ich heiratete jung, mit nur 22 Jahren, mein Mann war sogar noch zwei Jahre jünger. Ich weiß, das war sehr früh. Warum ich das tat? Vermutlich war ich blind vor Liebe. Und naiv. Ich war mir seiner Schwächen durchaus bewusst, was mich kurz vor der Hochzeit ziemlich ins Wanken brachte. Aber jetzt noch alles abblasen? Schließlich liebte ich ihn ja. Und an Problemen kann man arbeiten. Er kann sich ändern. Ich kann ihn ändern. Ich lache heute noch. Wie dumm man doch manchmal sein kann.

So war ich also nun verheiratet und es dauerte nicht lange, bis wir ernsthafte Probleme bekamen. Er machte Schulden, verlor zudem immer wieder seine schlechten Jobs. Obwohl er einen vernünftigen Beruf erlernt hatte, der zugegebenermaßen wenig Zukunft hatte, arbeitete er letztendlich immer nur noch in Sicherheitsunternehmen als Security. Im Schichtdienst. Das Ende vom Lied? Wir sahen uns fast gar nicht mehr, weil er meistens im Spät-oder Nachtdienst arbeitete. Ich saß nach der Arbeit und auch am Wochenende immer wieder allein zu Hause. Die Stimmung war mehr als schlecht und ich fühlte mich gefangen. Doch einfach aufgeben? Nein, das liegt mir nicht. Unser „Ja“ sollte doch für immer gelten. So etwas wirft man nicht achtlos weg.

Irgendwann kam der Punkt, an dem er immer öfter nicht nach Hause kam, obwohl er eigentlich Feierabend hatte. Er übernachte bei Kollegen, kam oft als Ausrede. Anfangs machte ich mir noch Sorgen, wenn er nicht Heim kam. Irgendwann hörte ich jedoch damit auf. Ich war des Kämpfens müde geworden und fand schließlich immer mehr Indizien für das, was ich längst vermutet hatte. Er hatte sich ein anderes Nest gebaut. Und so stand ich an meinem ersten Wendepunkt.

Wir trennten uns. Vielmehr trennte ich mich von ihm, denn er selbst hatte nicht den Mumm dazu. Er versuchte tatsächlich noch alles abzustreiten, dabei schrie die Wahrheit förmlich danach, endlich ans Licht zu kommen. Als er es letztendlich zugab, warf er mir tatsächlich noch vor, dass ich ihm nachgestöbert hatte.

Er kündigte unsere gemeinsame Wohnung, ohne Absprache mit mir und so stand ich plötzlich da, befreit, aber allein. Doch halt! Ich war gar nicht allein. Denn genau zur gleichen Zeit machte mein Bruder das selbe durch. So wohnten wir plötzlich wieder zusammen und nun galt es in weniger als drei Monaten für jeden von uns eine neue Wohnung zu finden. Kurz vor Ablauf der Kündigungsfrist und 13 Wohnungsbesichtigungen später fand ich schließlich eine Bleibe, von der ich glaubte, mich dort wohlfühlen zu können. Und auch für meinen Bruder fand ich die passenden vier Wände.

Ich zog also um – und nun war ich wirklich allein. Ich war heilfroh, dass ich meinen Mann los war, aber trotzdem war die Erfahrung, wie es sich anfühlt wirklich einsam zu sein, ziemlich schmerzhaft. Obwohl ich viele gute Freunde und meine Familie hatte, die mich unterstützen, verschaffte das immer nur kurzzeitig Linderung. Dieser Zustand hielt lange Zeit an und wurde aufgrund der Tatsache, dass ich immer wieder an die falschen Männer geriet, nur noch verschlimmert.

Bis ich eine neue Liebe fand – die Musik. Dieser Wendepunkt fand ganz unscheinbar am Tresen mit einem Glas Wein in der Hand statt, als ein Bekannter erzählte, sie würden für Ihre Band noch Background-Sängerinnen suchen. „Ich mach das!“, wäre im nüchternen Zustand niemals über meine Lippen gekommen. Doch ich hatte es gesagt und fand mich schneller als ich gucken konnte in einem Proberaum wieder. Von da an war es vorbei mit der Einsamkeit. Ich sang in jeder freien Minute und fühlte mich endlich besser. Ich konnte das Leben wieder genießen und es war mir fast egal, dass ich nach wie vor allein war. Zwei weitere Jahre vergingen und ich konnte mir fast nicht mehr vorstellen, mich irgendwann noch mal an jemanden zu gewöhnen. Ich genoß meine Freiheit und liebte es, tun und lassen zu können, was mir gefällt, Ohne dabei auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen.

Bis ich wieder an einen Wendepunkt kam, der jedoch lange Zeit verpuppt war. Ich erhielt eines Tages eine Nachricht von einem Fremden, der in meinem Online-Profil gesehen hat, dass ich singe. Zufällig betrieb er mit seinem Freund ein Tonstudio und sie würden hin und wieder mal Sängerinnen brauchen. Auf die Frage, ob ich denn nicht mal kommen und etwas einsingen möchte, reagierte ich zögerlich. Als ich schließlich doch bejahte, ahnte ich noch nicht, dass das mein Leben grundlegend verändern würde.

Wir machten also ein paar Aufnahmen, arbeiteten gemeinsam an einem Song, unterhielten uns über die Musik. Es gingen viele Wochen ins Land, bis sich klammheimlich ein Gefühl von Vertrauen und Geborgenheit einschlich. Die Chemie zwischen uns stimmte einfach und langsam wuchs die Blume der Liebe. Bis es mich schließlich erwischt hat. Volle Breitseite.

Gleichzeitig sollte mein Leben aber noch eine ganz andere Wendung nehmen. Die Firma, in der ich seit fast 15 Jahren arbeitete, verlegte ihren Firmensitz von Viersen nach Mülheim. Was sollte ich nun tun? Mein Chef wollte mich unbedingt halten, doch die Vorstellung täglich so viele Kilometer zurückzulegen und zu viel kostbare Zeit und Nerven im Auto zu verbringen, für einen Job der eigentlich doch eh auf der Kippe stand, war mir zuwider.

Alles auf Anfang

Ich traf Entscheidungen. Die wichtigste und beste, war die Entscheidung für die Liebe! Plötzlich ging alles ganz schnell. Wir waren uns einfach sicher und wir wollten heiraten.

Und was meinen Job anging, entschied ich mich schweren Herzens dazu, das sinkende Schiff zu verlassen.

Ich fing ganz neu an. Ich setzte mein Leben auf Null, ließ die Vergangenheit hinter mir und wagte den Schritt in ein neues Leben. Manche reagierten mit Unverständnis darauf. Andere freuten sich mit mir.

Mein letzter Arbeitstag fiel mir schwer. Nach so langer Zeit ging ich zum letzten Mal durch diese Tür. Einige Tränen sind geflossen. Aber ich war auch erleichtert. Ich war mir sicher, dass es für mich das Beste war zu gehen. Obwohl ich erst einmal ohne Job da stand.

Dafür stürzte ich mich in die Hochzeitsvorbereitungen. Denn ein paar Wochen später sollte es bereits so weit sein. Und ehe ich mich versah, stand ich vor dem Traualtar, strahlend vor lauter Glück.

Es veränderte sich plötzlich so viel, ich war nun wieder Ehefrau, nicht mehr auf mich allein gestellt. Und es fühlte sich von Anfang an so an, als wäre es schon immer so gewesen, als wären wir schon immer ein Fleisch. Wir gehören einfach zusammen. Alles stimmt, alles fühlt sich richtig an. Ich bin endlich angekommen.

Ein neuer Job fand sich schließlich auch. Eben dieser, der jetzt wieder auf der Kippe steht.

Lange arbeitete ich dort nicht, gerade mal etwas mehr als zwei Jahre, bis unser Leben eine neue, aufregende Wendung nahm: Wir wurden Eltern.

Seitdem schreibt das Leben die schönsten Geschichten, in den buntesten Farben. Oft ist Weg zwar etwas holprig, anstrengend und vor allem ermüdend, aber die Belohnung dafür könnte man mit keinem Geld der Welt aufwiegen: Kinderlachen und pure, bedingungslose Liebe!

Werde ich irgendwann wieder an einen Wendepunkt kommen? Ganz bestimmt. Und werde ich es schaffen, alles zu überstehen? Mit Sicherheit.

Die Wendepunkte des Lebens – oft sind sie schwer zu meistern, manchmal wenden sie jedoch alles zum Guten. Egal in welche Richtung es geht und wie steinig der Weg auch sein mag, es gibt immer eine Lösung, einen rettenden Anker – und vielleicht wartet am nächsten Wendepunkt das große Glück.

7 Gedanken zu “Wendepunkt

  1. Es stimmt, machmal muss sich eine Tür schließen, damit sich eine andere öffnet. Machmal muss man auch eine Tür selbst zuknallen, damit überhaupt die Möglichkeit für eine neue Tür entsteht. Mein letzter Job war total doof. Ich habe es hin geworfen und bin seitdem zuhause. Aber hätte ich einen supertollen Job gehabt, indem ich mich total wohl gefühlt hätte, hätte ich mich dann auf unser Familienabenteuer in Polen eingelassen? Vielleicht nicht…

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  2. Wow Nadine!!!! Ich bin sprachlos – dieser Text hat mich echt wieder berührt! Was du durchgemacht hast wünscht man niemanden, aber es ist schön zu wissen, dass auch ein Mensch, der so viel Schlimmes erlebt hat, dennoch auch so viel Glück empfangen kann! Eine liebende Familie zu haben ist mitunter das wertvollste, was wir haben können – es ist unbezahlbar!

    Liebe Grüße ♡
    Nastja

    Pssst! Toller Schreibstil!!! 😉

    Gefällt 3 Personen

    • Danke, meine Liebe! In den Momenten, in denen diese schlimmen Dinge passieren, fühlt man sich schlecht. Aber heute ist all das vergessen, eben weil sich alles zum Guten gewendet hat. Wichtig ist, niemals aufzugeben und sich von negativen Dingen zu sehr runterziehen zu lassen. Es geht eben immer weiter. Und das ist gut so!

      Gefällt 3 Personen

  3. Vielen Dank für diesen mitreißenden Bericht über einie Kapitel Deines Lebens. Wie Du richtig schreibst kommt man im Leben oft an Kreuzungen, Sackgassen oder Wendepunkt, gewollt oder ungewollt, und man hat keine Wahl und muss alles Bisherige umkrempeln und eben auch mal von Vorne anfangen. Dein Erlebtes zeigt, dass nicht immer alles Zuckerschlecken ist und Jeder seine eigene Geschichte mit sich trägt, von der man als Aussenstehender oft nichts ahnt. Danke für das Erzählen Deiner Story und weiterhin viel Glück bei allem, was Du und Ihr als Familie anpackt!

    Gefällt 2 Personen

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