Kennst Du diese Tage?

Es gibt sie – diese Tage, an denen man sich besser die Decke über den Kopf zieht und sich nicht regt. Manchmal beginnt es schon beim ersten Augenaufschlag. Die Kinder werden wach, schauen sich an und liegen sich sofort in den Haaren. Sie streiten was das Zeug hält, ohne erkennbaren Grund. Und wenn die Tage so beginnen, ist das meistens bezeichnend für den Rest des Tages. Manchmal können sie sich einfach nicht riechen und da hilft kein Vermitteln, kein Zureden. Das alles ist verlorene Liebesmüh, denn nur wenige Minuten später geht es erneut los. Streiten gehört dazu, das ist klar. Schließlich habe ich mich auch mit meinem Bruder gestritten. Aus der Sicht einer Mutter sieht die Sache jedoch anders aus. Es zerrt an den Nerven. Kennst Du diese Tage? Da bin ich mir ziemlich sicher.

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In der Küche herrscht das reinste Chaos. Wäscheberge häufen sich im Keller. Die Kinderzimmer sehen aus, als wäre eine Bombe darin explodiert. Und überhaupt, in jedem Zimmer findet sich Spielzeug wieder. Im Wohnzimmer sowieso, doch auch in der Küche, im Schlafzimmer und sogar im Bad. Wo soll ich bloß anfangen? Wie werde ich Herr der Lage? Oder ist das tatsächlich gar nicht machbar? Wie schaffen andere es, dass ihre Wohnung hochglanzpoliert erstrahlt? Es kommt mir so vor, dass hinter mir die ganze Bude abgerissen wird, sobald ich mit dem Aufräumen beginne. Es ist der Kampf gegen Windmühlen. Kennst Du diese Tage?

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Zusammengerollt liege ich im Bett meiner Tochter, ganz dicht bei ihr. Nahezu eine Stunde dauerte es, bis ich Zugang zu ihr fand. Eine Stunde, in der ein erbarmungsloser Wutsturm in ihr tobte. Eine Stunde in der sie weder wollte, dass ich bei ihr bleibe noch dass ich weggehe. Eine Stunde, in der mein Sohn allein in seinem Zimmer saß und darauf wartete, dass der Sturm vorbeizieht und ich zu ihm kommen würde. Mein Mann ist auf Geschäftsreise, wir drei sind auf uns allein gestellt. Es ist bereits nach 20.30 Uhr, als sich die Wogen endlich glätten. Doch ich weiß, wenn ich jetzt von ihr weggehen würde, ginge alles wieder von vorne los. Nur einen Moment vertröste ich sie daher und husche ins Zimmer ihres Bruders. Kurz nehme ich ihn in den Arm und bitte ihn, sich schon ins Bett zu legen. Ich würde kommen, sobald ich kann, doch versprechen kann ich nichts. Er ist einsichtig, aber traurig zugleich. Liebevoll decke ich ihn zu und gebe ihm einen Kuss. „Bis gleich“, sage ich noch und schleiche wieder ins Zimmer seiner Schwester. Immerhin blieb sie in diesen wenigen Minuten ruhig, weil ich ihr versprach gleich wieder bei ihr zu sein. Bis sie in den Schlaf findet, vergeht eine weitere halbe Stunde, in der mein Herz schwerer und schwerer wird, weiß ich doch, dass im Zimmer nebenan noch jemand sehnsüchtig auf mich wartet. Der Hunger reißt zudem ein immer größeres Loch in meinen Magen. Mir blieb noch keine Zeit etwas zu essen. Ungeduldig lausche ich den Atemzügen meiner Tochter, bis diese sich verändern, ruhig und gleichmäßig werden. Sie schläft. Endlich kann ich mich um meinen Sohn kümmern. Doch als ich leise in sein Zimmer tapse, ist auch er bereits tief und fest eingeschlafen. Ganz allein. Und es zerreißt mir das Herz. Kennst Du diese Tage? Es ist einer eben jener Tage, an denen man sich wünscht, sich Zweiteilen zu können.

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Mitten in der Nacht werde ich durch das Weinen meines Kindes aufgeschreckt. Schweißgebadet ist es aufgewacht, fiebrig, von Husten geschüttelt. Die Nacht verbringe ich an seinem Bett, der nächste Tag beginnt viel zu früh. Ich weiß, dieser Tag wird lang. Denn egal wir krank die Kinder sind, meistens haben sie dennoch genug Energie, um mich voll zu fordern. Und ich gebe mein Bestes, damit sie sich so wohl wie möglich fühlen und schnell wieder gesund werden. Betüddelt zu werden hilft schließlich am besten, nicht wahr? Trotzdem ist man am Ende des Tages erleichtert, wenn das Kind schlafend in seinem Bett liegt, die Hoffnung in sich tragend, dass diese Nacht eine bessere wird als die vorige. Kennst Du diese Tage? Ganz bestimmt sogar.

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Zwei kleine Füße tapsen durch den Flur. Die Schlafzimmertür öffnet sich und nur wenige Sekunden später schlingen sich zwei kleine Arme um meinen Hals. Meine Tochter kuschelt sich neben mich. Nur wenig später höre ich einen Rums, dann erneut Fußgetrappel. Mein Sohn schleicht herein, auch er kuschelt sich fest an mich und sagt „Guten Morgen, Mama!“ Dann schaut er seine Schwester an und fragt „Sollen wir etwas spielen?“ Die beiden verkrümeln sich ins Kinderzimmer und ich lausche lächelnd ihrem Spiel, während ich mich noch einmal ins Kissen zurückfallen lasse. Sie spielen eine Stunde lang einträchtig miteinander, bis mein Sohn sagt, dass er hungrig ist. Wir frühstücken gemütlich miteinander und ich weiß, heute wird ein guter Tag. Kennst Du diese Tage? Es ist ein Tag voller Harmonie, der Dich abends lächelnd einschlafen lässt.

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Die Kinder entdecken im Wald die Wurzel eines umgestürzten Baumes. Eigentlich hatten sie überhaupt keine Lust auf diesen Waldspaziergang. Doch jetzt suchen sie sich Stöcke und stochern damit unaufhörlich in der Baumwurzel herum. Sie sind rundum zufrieden. Sie entdecken Pilze, verschiedene Käfer, weiches Moos, lauschen den Geräuschen des Waldes. Plötzlich werden wir alle vom hektischen Alltag entschleunigt und ich bin immer wieder dankbar, welche Wirkung die Natur auf jeden einzelnen von und hat. Kennst Du diese Tage? Sie machen deutlich, dass kleine Auszeiten wie Balsam für die Seele sind, für jeden von uns.

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Mein Sohn malt ein Bild, auf dem alle Familienmitglieder zu sehen sind. Darüber schreibt er in krakeliger Handschrift „Ich liebe meine Familie“. Er muss nicht einmal mehr nachfragen, wie er es schreiben muss. Obwohl er noch nicht lange in der Schule ist, klappt es mit dem Schreiben und Lesen fast so, als hätte er es schon immer gekonnt. Unter die Freude über dieses schöne Bild, mischt sich deshalb auch eine gehörige Portion Stolz.

Am Abend bringe ich meine Tochter zu Bett. Kurz vor dem Einschlafen murmelt sie: „Du bist die beste Mama auf der ganzen Welt. Ich hab Dich so lieb!“ Und das sagt sie an einem Tag, an dem ich mal wieder an mir selbst gezweifelt habe.  Kennst Du diese Tage, an denen Dein Herz vor lauter Liebe und Stolz überschwappen könnte?

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Das Leben mit Kindern gleicht einer stetigen Berg- und Talfahrt. Mal meistert man die Tage mit Bravour und einem sanften Lächeln auf den Lippen, mal sieht es vollkommen anders aus. Doch ganz gleich, wie turbulent es manchmal auch sein mag – wenn der Stress am Ende des Tages von mir abfällt, bleibt nichts weiter als Dankbarkeit und Liebe.

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