Weil mein Herz es kaum erträgt

„Mama, warum gehen wir eigentlich nie zusammen zum Piratennest? Du warst schon so lange nicht mehr mit uns dort!“

Mein Sohn erhält auf seine Frage nur fadenscheinige Antworten. Warum besuchen wir den schönsten Spielplatz im Ort nur so selten? Auf meinen Einwand „Weil der Weg dorthin so weit ist„, entgegnet mein Sohn, dass wir doch auch mit dem Auto fahren könnten. Und dass es dort oft so überlaufen ist, zählt für ihn auch nicht, denn ihm ist das total egal. Doch es gibt noch einen weiteren Grund dafür. Einen, von dem ich ihm nicht erzählt habe.

Dieser Spielplatz grenzt an ein Kinderheim. Und natürlich tummeln sich auch viele der Kinder, die dort leben auf dem Spielplatz herum. Einige von ihnen sind laut und wild. Andere zart und zerbrechlich. Und ich bin mir sicher, ein jedes von ihnen schreit innerlich nach Liebe.

Denn fast immer wenn wir dort sind, „hakt“ eines der Kinder sich bei uns ein. Sie suchen Nähe und Normalität. Erzählen Geschichten. Ihre Geschichten. Und jede dieser Geschichten bricht mir das Herz.

Da ich Wildfang seinen Wunsch nicht abschlagen wollte, packte ich meine beiden ein und wir besuchten den Spielplatz. Zuerst war alles im Lot. Eine Horde wilder Jungs hat es dann jedoch übertrieben und ein Mädchen bekam einen Stein an den Kopf. Ihr lautes Weinen schreckte mich auf und sofort ging ich zu ihr hinüber. Doch es war bereits einer ihrer Betreuer dort. Er hielt den Jungs eine kleine Standpauke und klopfte dem weinenden Mädchen beruhigend auf die Schulter. Während das Bedürfnis in mir aufkam, das Mädchen in dem Arm zu nehmen und sie so zu trösten, wie sie es gebraucht hätte, klimperte ich hinter meiner Sonnenbrille ein paar Tränen weg. Als ich überlegte, was ich tun könnte, kam eine Betreuerin hinzu und die Kleine warf sich sofort in ihre Arme. Erleichterung machte sich in mir breit, weil sie letztendlich doch noch eine Schulter zum Ausweinen gefunden hat.

Wenig später begann sie wieder zu spielen, gleich dort, wo wir uns auf einer Bank niedergelassen hatten, weil meine beiden Naschkatzen Lust auf etwas Süßes hatten. Beinahe ein bisschen wehmütig sah sie zu uns herüber und ich konnte nicht anders, als ihr auch ein Bonbon zu geben, welches sie sogleich mit funkelnden Augen verschlang. „Ich mag das so gerne“, sagte sie grinsend mit vollem Mund. Und während mein Sohn sie fragte „Wollen wir Freunde sein?“ und die beiden fröhlich den Spielplatz unsicher machten, fragte ich mich, was sie wohl schon alles erlebt haben mag, aus welchem Grund sie hier ist und nicht bei ihrer Familie. Diese Gedanken machen mein Herz schwer.

Und während wir als Familie wieder in unser behagliches, wenn auch oft chaotisches Zuhause zurückkehren, bleibt sie zurück, ebenso wie all die anderen Kinder, mit all ihren herzzerreißenden Geschichten.

Das ist der Grund, warum ich nicht so gerne zu diesem Spielplatz gehe: Weil mein Herz es kaum erträgt…

 

7 Gedanken zu “Weil mein Herz es kaum erträgt

  1. Ich kann nachvollziehen, wie es dir geht. Aber ich denke wie Monika, dass diese Kinder auch von lieben Fremden und Kontakt zu anderen Kindern profitieren. Es ist für sie wichtig, auch „das Normale“ zu erleben. Habe ich damals während meiner Arbeit mit Flüchtlingskindern festgestellt (obwohl diese natürlich Eltern hatten, aber sie waren oft traumatisiert).

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  2. Vielleicht war aber dieser eine Besuch dort, bei dem dieses Mädchen Menschen von außerhalb des Heimes getroffen hat sehr wertvoll. Es hat Menschen getroffen, die freundlich und aufmerksam waren und einen Jungen, der fragte ob sie Freunde sein wollen.
    Du kannst die Erfahrungen, die dieses Mädchen bzw diese Kinder gemacht haben nicht ungeschehen machen, aber du kannst den Moment den sie gerade erleben wertvoll für sie machen. Und ich denke, das habt ihr getan.
    Alles Liebe Monika

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  3. Danke. Einfach nur Danke für diesen ehrlichen Beitrag. Ich kann absolut nachvollziehen wie es dir dort ergeht.
    Ich bin selbst in einer Pflegefamilie aufgewachsen, kann mich also irgendwie in die Sache hineinversetzen.

    Gefällt 1 Person

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